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TWOTHOUSAND AND TWENTYONE

TWOTHOUSAND AND TWENTYONE
Wandkalender

Die Komplexität globaler Herausforderungen war selten so sichtbar wie heute. Krisen aller Art und auch persönliche Trauer haben im Bewusstsein der meisten Menschen das Jahr 2020 dominiert und die positiven Aspekte, die es sehr wohl auch gab, tendenziell in den Hintergrund gedrängt. Unschärfe, Mehrdeutigkeit und Non-Linearität finden in der Geschwindigkeit, in der tagesaktuelle Neuigkeiten auf uns einprasseln, kaum Platz. Dabei sind gerade das Erfassen von Zusammenhängen, das Abwägenund Relativieren, der Diskurs und der Widerspruch unverzichtbare Methoden, um einer komplexen Gegenwart zu begegnen. Diesen Komplexitäten großer Herausforderungen, insbesondere in Form von Klimawandel und digitalenTransformationen unserer Gesellschaft, werden wir uns auch im Jahr 2021 stellen. Die Kraft der Kunst vermag uns dabei zu stärken. Sie zeigt uns Zwischenräume und öffnet unerwartete Sichtweisen, sie provoziertund spendet Zuversicht, sie gibt der Fassungslosigkeit und sogar dem Zorn Raum, aber sie kann uns auch Mut machen, den Optimismus, Empathie und positive Handlungsfähigkeit als Grundlage brauchen. Die Ausübung der Künste und der Kontakt mit ihnen stärkt und trainiert unser Urteilsvermögen, das uns befähigt, unser Handeln zu bestimmen. Wir brauchen die Kunst, um die Gegenwart zu reflektieren, scheinbare Sachzwänge zu hinterfragen und Fenster – neue Perspektiven auf die Zukunft – zu öffnen. Dafür möge Ihnen die Kunst im Jahr 2021 eine gute Begleitung sein! Und dieser Kalender mit Arbeiten der Klasse für Fotografie der Universität für angewandte Kunst Wien soll Sie dazu anregen und ermutigen, auf die Kraft der Kunst zu zählen.

Impressum Herausgegeberin: Universität für angewandte Kunst Wien Publikationen, Kooperationen, Marketing Bereichsleitung: Anja Seipenbusch-Hufschmied
Idee und Projektleitung: Jasmin Vogl, Barbara Wimmer
Redaktion Klasse Fotografie: Leitung: Gabriele Rothemann,
Jorit Aust, Michael Hassmann, Elisabeth Kohlweiß, Robert Mathy, Michaela Obermair,
Christina Tonninger
Grafische Gestaltung: Rudolf Fuchs
Lektorat: Marina Brandtner, Stefanie Schabhüttl
Übersetzung: Marina Brandtner, Adam Yeomans
Druck: STEINHAUSER Bildbearbeitung und Druck GmbH
Erscheinungstermin: 2020
Sofern nicht anders angegeben, liegt das Copyright für die Fotos bei den Künstler_innen

Bild des Monats Mai:
Peter Hoiß
scope
2018
Mixed media
250 x 250 x 350 cm
Foto: Jorit Aust
Eine Auseinandersetzung mit Räumlichkeit und Fotografie schreibt sich bei "scope" auf theoretischer Ebene wie örtlicher Erfahrung ein. Der Blick der Betrachter_innen wird mehrmals umgelenkt, um dann den Umraum selbst zu sehen oder auch das fotografische Abbild einer Realität. Der Bruch der konventionellen Sehgewohnheit fördert eine Konzentration auf die Verbindung des Mediums Fotografie mit einer anderen künstlerischen Ausdrucksform, die raumgreifend agiert. So werden visuelle und mechanische Voraussetzungen der Fotografie und die Dominanz des "Kamera-Apparats" körperlich erfahrbar, der fotografische Akt wird zur Handlung per se.
Das eigentlich vertraute Sehen wirft Fragen auf, wenn man mit den Periskopen über Hindernisse hinweg und um die Ecke blickt. Wie war das nochmal mit Repräsentation und Wirklichkeit?
Bild des Monats April:
Mira Klug
Solar Plexus
2018
Installation
Foto: Jorit Aust
Die alte Synagoge im süditalienischen Matera ist eine tief in den Kalkstein geschlagene Höhle, die sich in ihrer Anlage am Sonnenlicht orientiert. Die genaue Ausrichtung der Höhle und des Höhleneingangs bilden die Voraussetzung dafür, das Sonnenlicht bis tief in die Höhle hinein zu leiten. Durch das spezielle Klima und das in die Höhle einfallende Licht konnten und können sich Cyanobakterien ansiedeln. Das grüne Erscheinungsbild der Felswände gibt somit Aufschluss über den Lichteinfall der vergangnenen Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte.
In Mira Klugs Spiegelinstallation Solar Plexus wird der Lichteinfall durch eine doppelte Umleitung mit Hilfe von Spiegeln an einen Punkt der Höhle gelenkt, der bisher noch nie mit Licht in Berührung gekommen und dadurch frei von Bewuchs geblieben ist.
Der Spiegel rechts im Bild fängt das Sonnenlicht auf und reflektiert es auf den kleinen runden Spiegel auf der gegenüberliegenden Seite. Durch diese doppelte Umleitung entwickelt sich nun durch Licht und Zeit das Leben von Cyanobakterien, die grün und kreisförmig auf der Felswand Spuren hinterlassen werden.
Bild des Monats März:
Sami Ciftci Tools 2019, Transmitted light scan
21 x 29,7 cm
Mit dem Blick auf die mit Werbung überquellenden Briefkästen verwendet Sami Ciftci in Prospekten abgedruckte Gegenstände des Alltag. Er hat die Klassiker, von Bohrmaschine und Werkzeugkasten bis hin zur Schneeschaufel, aus den Postwurfsendungen ausgeschnitten, sie in einer Klarsichtfolie geordnet und gescannt. Genauer noch, er hat sie wie fotografische Negative durchleuchtet und schafft einen digitalen Kontaktabzug, der die realen Gegenstände nicht berührt und trotzdem zeigt. Sie schweben im leeren Raum, Vorderseite ist gleichzeitig Rückseite, ihrer eigentlichen Funktion enthoben, entsteht ein Bild - mit der Absicht, die entsprechenden Herstellerfirmen mit den eigenen Katalogen des Künstlers zu überschütten.
Bild des Monats Februar: Tobias Izsó
Paravent 2019
Raumteiler, Textildruck
175 x 114 cm
Paravents, englisch „Screen“ genannt, sind spätestens seit dem Biedermeier weitverbreitete Wohnzimmer-Artefakte. Die Funktion dieser Raumteiler ist es, Privatsphäre zu schaffen. Als aufgestellte und mobile Trennwände werden sie einerseits zu Orten der Intimität, andererseits zu prunkvollen Kulissen.
Die gleichnamige Arbeit versucht diesen Gedanken aufzugreifen und rahmt in einer zusammengesteckten Holzkonstruktion somit das ordentliche, gesellschaftstaugliche sowie das chaotische, private Ich gleichermaßen.
Findet man die perfekte Repräsentation einer gehängten Ordnung in Form eines mathematisch gelegten Seiden-Faltenwurfes auf der öffentlichen Seite vor, befindet sich auf der intimen Bildseite das entschleierte Chaos.
Eine Fotomontage aus unzähligen Fotos, aufgelöst in einer zerstörten Ordnung,
erzählt aus einer Zeit, in der das System noch intakt war. Die Unordnung faltet sich
wüst über das Bild und den Bildrand hinaus. Es ist der Einblick in einen privaten Raum, der von einer Zerstörung erzählt.
Die zusammengesetzten Teile des Paravents funktionieren als zusammengesetztes Ich. Beide Seiten sind aus feinen Stoffen. Der Wert des Chaos und der Wert der Ordnung werden dadurch einander gleichgesetzt.
Bild des Monats Jänner:
Christian Kurz-Gold
Pretend to be ein Schienenfahrzeug
2018
Modifiziertes Fahrrad, modifizierter Projektor, Filmloop 0:02 sec,
LED Leuchtsystem, Fahrradaufhängung

Foto: Jorit Aust
Die Arbeit „Pretend to be ein Schienenfahrzeug“ besteht aus einem Fahrrad, das sich – mittels eines über der Lenkstange montierten analogen Filmprojektors, dessen Mechanik vom Fahrrad betrieben wird – selbst eine Schienenstrecke projiziert. Das Fahrrad wie der Zug sind Symbole, die in der Frühzeit des Films häufig für Bewegung und Mobilität eingesetzt wurden. Wenn wir Filme wie „The General“ (Buster Keaton, 1923) sehen, wird uns die mechanische Revolution dieser Zeit vor Augen geführt. Deren bildgebendes Medium war (und bleibt) der seinerseits auf mechanischen und zusätzlich fotochemischen Prozessen beruhende Film. In Keatons Film finden wir auch ein — zum Drehzeitpunkt veraltetes – Fahrrad, das Johnnie Grey schnappt, um seiner Geliebten Annabelle auf der namensgebenden Lokomotive General nachzueilen. Auch Charlie Chaplin machte sich (15 Jahre vor Keatons Film) das Fahrrad in einem Sketch zu eigen, in dem er mit seinem Bruder allerlei Missgeschicke um und auf einem Hochrad darstellte. Die BenutzerInnen des Fahrrads, das jetzt so tut, als wäre es ein Schienenfahrzeug, treten hier also körperlich in diese Symboltradition ein. Sie erzeugen mit Muskelkraft diese Verbindung. Das geschieht immer in dem Augenblick, da sie anfangen, die Pedale zu bewegen und damit die Projektormechanik starten. Im Projektor befindet sich eine Filmschleife, die völlig analog produziert wurde und auf den Schienen zu sehen sind. Der Bildwerfer (ein modifizierter Projektor) projiziert diese Schienen auf den Boden und weist den Weg.